Patria Potestas

Leichtfüßig sprang Hera die letzten Stufen zur Agora hinab und sah sich dann suchend nach ihren Freundinnen um. Die entdeckten die kleine Athenerin zuerst und winkten ihr wie wild von einem Brunnen zu, auf dessen Vorsprung sie saßen und aufgeregt schnatterten.
„Guten Morgen!“, grüßte Hera ihre Freundinnen fröhlich, dann raffte sie das Ende ihres Gewandes und setzte sich neben ihre Freundinnen an den Brunnen.
„Dein Vater hat dir ein neues Kleid gekauft?“, fragte Penelope neidisch und streckte die Hand nach dem Saum ihres Gewandes aus.
Hera nickte eifrig: „Er ist grade von einer Handelsreise zurückgekommen. Das ist Baumwolle aus Indien.“ Die Mädchen fühlten aufgeregt über den weichen Stoff.
„Ich wünschte, mein Vater würde auch mit Indien Handel treiben.“, seufzte Thalia und lehnte sich ein Stück zurück. Ihr Blick strich neugierig über die Agora.
„Wie kommt es, dass…“, setzte Penelope an, doch Thalia unterbrach sie. „Das ist er!“, rief sie. Hera folgte dem Fingerzeig und entdeckte einen Soldaten.
„Das ist einer von diesen römischen Centurionen.“, wehrte Penelope gelangweilt ab.
„Das ist nicht irgendein Centurio, du Dummchen.“, tadelte Thalia ihre Freundin seufztend. „Das ist Silas.“
„Silas?“, wiederholte Hera interessiert und nahm den Centurio in Augenschein. Er trug seinen Helm unter dem rechten Arm, während er über den Markt schlenderte.
„Ja Silas.“, bestätigte Thalia und beugte sich vor. „Man erzählt sich, in seiner Centurie gibt es eine Spartanerin.“
„Eine Frau? Das glaube ich nicht. Das würden diese besessenen Römer doch niemals zulassen.“, erwiderte Penelope. Heras Blick klebte noch immer an den Schultern des Centurio. Als er sich umdrehte, traf sie seinen Blick. Sie hielt dem Blick solange stand, wie sie konnte, dann schlug sie die Augen nieder.
„Ich habe mich schon ein paar Mal in das Gymnasion geschlichen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Doch leider ohne Erfolg.“, seufzte Thalia, während sie dem Centurio hinterherschmachtete.
„Ich kenne ihn.“, wisperte Hera plötzlich und sofort hörten ihre Freundinnen auf zu schnattern und starrten Hera an. „Wie?“, fragte Penelope „Woher?“
„Er ist ein Günstling meines Vaters.“, begann Hera und sah dann auf. „Er geht oft in unserem Haus ein und aus. Ich habe ihn schon ein paar Mal gesprochen. Er ist tugendhaft, ich glaube nicht, dass es eine Frau in seiner Centurie gibt.“, nahm sie ihn Schutz. Aber sie wusste es besser. Ihr Vater hatte ihre Blicke in Silas‘ Richtung aufgenommen und sie mehrfach vor dem Mann gewarnt.
„Soldaten und Politiker“, hatte er ihr eingeschärft. „Sind ein Volk, dem du nicht vertrauen kannst.“
Hera erhob sich mit einem Seufzen, schöpfte mit den Händen Wasser aus dem Brunnen und trank es.
„Warum hast du uns nie von ihm erzählt?“, fragte Penelope aufgeregt.
„Habe ich nicht?“, fragte Hera überrascht zurück. Thalia und Penelope schüttelte gleichzeitig den Kopf. Hera zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht fand ich ihn nicht spannend genug. Es ist nur ein Centurio.“
„Nur ein Centurio?!“, wiederholten die beiden Freundinnen wie aus einem Mund. „Hast du sein Gesicht gesehen? Er muss der Sohn der Aphrodite sein! Ich würde alles tun, damit er mich heiratet!“
Hera hatte sein Gesicht natürlich gesehen und wusste, was ihre Freundinnen meinten. Silas war ausgesprochen schön. Seine Haut war ebenmäßig und hell, sein Haar glänzte golden in der Sonne und so wie er sich bewegte, verbarg er beeindruckenden Körper unter seiner Rüstung…
Er war nicht nur irgendein Centurio. Schon gar nicht für sie. Aber sie würde Thalia und Penelope nicht auf die Nase binden, dass Silas ihr bereits Avancen gemacht hatte – und dass sie versucht war, diesen nachzugeben. Einzig ihr Vater hielt sie davon ab, ihm nachzugeben.
„Mein Vater hat versprochen, mich auf die nächste Reise mitzunehmen.“, wechselte sie eilig das Thema. Ihr Versuch hatte Erfolg, denn Thalia und Penelope schenkten ihr sofort ihr ungeteiltes Interesse. Sie wussten, dass Hera ihrem Vater schon seit Jahren damit in den Ohren lag. Er hatte es immer wieder abgelehnt, seine einzige Tochter mit an Board zu nehmen. Umso erstaunlicher war es, dass er sich hatte erweichen lassen, Hera mit zu nehmen.
„Wohin reist dein Vater?“, fragte Penelope gleich.
„Jetzt kannst du diese wundervollen, exotischen Orte kennenlernen.“, schwärmte Thalia neidvoll. „Ich wünschte, mein Vater würde Handel treiben.“
„Wir fahren nach über Acitum und Sicilia nach Ostia.“, erklärte Hera. „Er sagt, diese Route sei sicher, auch wenn die beiden… Römer in Streit liegen.“
Penelope wusste, wen Hera meinte, denn ihr Vater hatte ihr die angespannte, politische Situation in Rom erklärt. „Er meint die Konsule.“
„Wer auch immer Streit hat, das ist mir völlig gleich. Ich werde reisen und Rom sehen!“, rief Hera fröhlich.
Thalia betrachtete Heras zierliche Statur und sah dann Penelope an.
Irgendetwas sagte ihr, dass Hera von dieser Reise nicht zurückkehren würde.

Der Mensch

„Runter“, flüsterte der Richter fast unhörbar leise. Die Luft vibrierte unter seiner Stimme. Sein Befehl kam so kalt, dass die Feuchtigkeit in der Luft augenblicklich zu Eiskristallen gefror.
Ayristo sah seinen Richter an und schluckte trocken. Langsam, ganz langsam stieg der Mann von der Anklagebank.
Eingehend musterte der Richter den Angeklagten und befahl: „Zieh deinen Mantel und deine Schuhe aus.“
Ayristo zögerte. Dann öffnete er die Platinspange seines Mantels. Er legte den Nerz auf die Anklagebank und stellte die Krokodillederschuhe dazu.
„Deine Uhr, dein Gürtel und das Jackett ebenfalls.“
Er hatte dem Richter noch den Rücken zugekehrt. Er fuhr mit der Zunge über seine Lippen, während er zögerte. Dann sah er zu seiner Uhr. Die Diamanten in den Indices strahlten ihn bitterböse an, während er die Schließe öffnete. Fast schon zärtlich platzierte er die Uhr zwischen seinen Schuhen und seinem Gürtel.
Grade wollte er sich zu seinem Richter umwenden, als der erneut das Wort ergriff. „Du trägst ja immer noch Luxus. Deine Manschettenknöpfe und dieses Hemd solltest du auch dazulegen.“
Ayristo überlegte, sich gegen die ungerechte Behandlung zu wehren. Doch er war seinem Richter in keiner Weise gewachsen. Und der wurde auch nicht müde, ihm die Macht zu demonstrieren, die er über ihn hatte.
Schließlich stand er dem Richter in seiner Unterwäsche gegenüber. Der Richter schürzte die Lippen, während er den Angeklagten musterte. „Dort wo ich mit dir hingehe, wirst du auch das nicht brauchen.“, erklärte der Richter ihm.
„Ich-… Das können Sie nicht machen…!“
„Schweig!“, donnerte der Richter.
Ayristo fuhr zusammen. Das Wasser in der Luft gefror augenblicklich und rieselte in winzigen Eiskristallen zu Boden. Er zögerte keine Sekunde länger, sondern gehorchte dem Richter.
Scham stieg in ihm auf, als er völlig nackt mitten im Gerichtssaal stand. Instinktiv versuchte er, sich unter den eigenen Armen zu verstecken.
„ Ayristo, ich habe dich gewogen.“, erklärte der Richter. „Ich habe dich gewogen und für schlecht befunden.“
Die Scham auf seinen Schultern wurde durch diese Worte so schwer, dass er den Kopf senken musste.
„Du hast großes Leid über die Menschen in deinem Leben gebracht.“
„Ich-… verstehe nicht.“
Der Richter machte eine ausladende Geste. Mitten im Gerichtssaal fand sich Nebel zusammen, der immer dichter und dichter wurde, bis er schließlich undurchdringlich weiß wurde. Schemenhaft formten sich Schatten in dem Nebel zu Bildern zusammen.
Ein Mann schrie eine Reihe angsterfüllter Menschen an, die beharrlich versuchten, unbeteiligt zu erscheinen, um nicht Zentrum des Geschreis zu werden.
Das Bild verwirbelte.
Der nächste Schatten warf achtlos Gift in einen Fluss, das augenblicklich alle Fische in dem Fluss tötete.
Der Nebel zog durch den Gesichtssaal und zeigte ein neues Bild.
Auf dem Meer schwamm ein dicker, undurchdringlicher Giftteppich.
Ein Weizenfeld wurde mit einer schrecklich stinkenden Chemikalie bespritzt. Der leuchtende Klatschmohn neben dem Getreide verlor die zarten Blätter.
Bäume verbrannten am Horizont und füllten den Gerichtssaal mit beißendem, schwarzem Qualm.
„Aufhören!“, flehte Ayristo auf den Knien. „Aufhören!“

Ein Gong zerbrach das Bild. Erschrocken fuhr Ayristo hoch. Er saß an seinem Schreibtisch. Hinter ihm schlug die alte Pendeluhr grade zwölf.
Er wandte sich zu der Uhr um, dann stand er auf und trat an das Fenster. Von hier konnte er in die Fabrikhalle sehen, in der seine Angestellten Gift abfüllten und in Karton verpackten.
Der Richter hatte ihn gewogen und ihn für schlecht befunden.
Ayristo sah auf die Uhr.
Zwölf. – Es war spät.
Aber noch nicht zuspät.

Der neue Nachbar

Es klingelte an der Haustür und Zoé schrak von ihrem Laptop hoch. Sie zögerte einen Moment, dann huschte sie zur Haustür. Neugierig linste sie durch den Spion in der Tür. Tatsächlich. Das war der neue Nachbar. Er war groß und gutgebaut. Unter perfekt in die Stirn frisierten Strähnen leuchteten ein Paar strahlendblauer Augen. „Hallo schöner Mann.“, wisperte sie, ehe sie nach der Türklinke griff und sie schwungvoll öffnete.
Dabei schlug sie sich den Kopf an der Türzarge an. „Au!“, rief sie und rieb sich die Stirn, statt sexy vor ihm zu posieren.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Mann sofort besorgt nach und streckte gleich hilfsbereit die Hände aus.
„Ja, geht schon.“, zischte Zoé, rieb noch einmal verstohlen über ihre Stirn und lächelte den Mann dann an.
„Ich bin Julian. Ich bin grade eingezogen.“, stellte er sich vor.
„Zoé“, stellte sie sich vor, lächelte anzüglich und lehnte sich in den Türrahmen. Zumindest versuchte sie das, doch sie verpasste den Türrahmen und kippte in den Flur.
Julian verkniff sich das Grinsen. „Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt und ging vor ihr in die Knie.
„Ja.“, zischte Zoé schmerzerfüllt und rieb über ihren Arm, auf dem sie bei ihrem Sturz unglücklich gelandet war.
„Das sieht aber gar nicht gut aus.“ Julian hab die Hand und strich Zoé das Haar aus der Stirn. Sein Blick klebte an der Stelle, die sie sich gestoßen hatte.
„Ach, geht schon.“
Julian schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich. Das sieht alles andere als gut aus. Du solltest es vielleicht kühlen.“
Zoé erhob sich und Julian folgte der Bewegung. Das unangenehme Schweigen folgte auf dem Fuß, als sie sich in der offenen Tür gegenüberstanden. ‚Komm schon, Zoé, sag etwas. Lad ihn zum Essen ein.‘, dachte sie, tat es dann aber doch nicht.
„Gut, also. Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen.“, verabschiedete Julian sich.
‚Das wäre jetzt die perfekte Gelegenheit, ihn herein zu bitten.‘; meldete sich eine kleine Stimme in ihrem Kopf. „Mich auch!“, antwortete sie ihm rasch und nahm die Hand, die er ihr anbot, um sie zu schütteln.
Sie schüttelte seine Hand einen Moment zu lang und zog ihre Hand dann peinlich berührt zurück. Julian lächelte verlegen, dann drehte er sich um und ging.
Zoé schloss die Tür und lehnte sich dagegen.
„Das hast du ja wieder toll gemacht, Zoé.“, schimpfte sie mit sich selbst. „Da steht einmal ein gutaussehender Mann vor deiner Haustür und du musst es wieder versauen.“
Sie wirbelte zu Spiegel herum, der an der Wand im Eingangsbereich hing, um ihre Stirn in Augenschein zu nehmen.
„Das habe ich gehört!“, rief eine Stimme von draußen und Zoé biss auf ihre Unterlippe. Sie löste den Blick von der langsam wachsenden Beule auf ihrer Stirn und öffnete die Tür wieder.
Julian, der sich von außen gegen die Tür gelehnt hatte, verlor das Gleichgewicht, als Zoé sie plötzlich öffnete und fiel ihr in den Arm.
Lachend langen die beiden auf Zoés schneeweißem Fliesenboden. Als sie sich beruhigt hatten, grinste Julian: „Du kannst mir ja die Stadt zeigen. Ich hol dich heute Abend ab.“

Kinderaugen

Wie ein Gewitter rollte der Lärm der denaturierenden Bomben über sie hinweg. Instinktiv zog Jesper den Kopf ein. Immer wenn eine Bombe explodierte, leuchtete der Nachthimmel hell auf und blendete ihn.
„Ich will sterben.“, flüsterte er, während er die kalten Finger um das eisige Metall seiner Waffe klammerte.
„Du willst nicht sterben.“, widersprach George ihm. Er sah ihm aufmunternd an und drückte ihm die Suppenschüssel ein bisschen tiefer in die Stirn. „Pass auf!“, zischte er plötzlich und drückte sein Gesicht in den Matsch.
Jesper wehrte sich instinktiv dagegen in den Matsch gepresst zu werden, dann hörte er, was George gehört hatte: Über ihre Köpfe raste ein Granatensplitter hinweg. Vor Schreck blieb Jesper stocksteif liegen. Er spürte, wie seine Kehle schwoll, wie Tränen sich bildeten, während sein Mund mit eisigem Schlamm verklebt war. Warum hatte er in den Krieg ziehen müssen? Warum konnte er nicht bei seiner Mutter sein?
George ließ seinen Kopf los und Jesper hob langsam den Blick. „Ist es vorbei?“, fragte er seinen Kameraden. Doch der hörte ihm gar nicht zu, sondern starrte hypnotisiert in die Ferne. Dann sprang er plötzlich auf die Füße. „Lauf!“, flüsterte er Jesper zu und rannte dann aus dem Bombentrichter, in dem sie gelegen hatten.
Jesper sah ihm überrascht nach, dann rappelte er sich auf und stolperte hinter seinem Kameraden her. Er wagte es nicht, nachzusehen, wovor sie flüchteten. Wieder leuchtete der Himmel gleißend weiß auf. Jespers rechter Fuß verfing sich in einer Wurzel: Er stolperte und landete mit dem Gesicht voran im blutdurchtränkten Matsch.
„George!“, rief er verzweifelt, während er versuchte, sich aufzurappeln. Als er den Kopf hob, konnte er nichts sehen. Das Licht des Blitzes hatte ihn blind gemacht. Orientierungslos stolperte er weiter, bis ihn jemand an der Schulter packte und festhielt.
Er hörte eine fremde Sprache. Jemand lachte. „Deutsche!“, dachte Jesper und das Blut gefror in seinen Adern. Jetzt war er tot. Er würde nie wieder nach Hause kommen. Er würde hier und heute im Niemandsland sterben. Draufgehen, bei diesem sinnlosen Blutvergießen.
Die Männer, denen er in die Arme gelaufen war, lachten. Ihm liefen Tränen über die Wangen. Wieder hörte er die fremde Sprache, dann schlug ihm jemand ins Gesicht.
Jesper verlor das Gleichgewicht und fiel. Der Geschmack von Blut breitete sich widerwärtig in seinem Mund aus.
„Was machen wir jetzt mit dir?“, fragte einer und beugte sich zu ihm herab. Ungläubig sah Jesper auf. Sprach er Englisch? Mit ihm?
Einer der Deutschen stellte amüsiert seinen Stiefel auf seinen Kopf und drückte ihn mit dem Gesicht in den Schlamm. Wieder verstopfte die blutgetränkte Erde seine Nase und seinen Mund. Verzweifelt wehrte er sich, versuchte, seinen Kopf zu heben. Doch je mehr er gegen den Deutschen kämpfte, desto fester wurde er in den Schlamm gepresst.
Er würde wirklich sterben. Nicht wie ein Held. Sondern mit Dreck im Mund.
Langsam verließ ihn die Kraft. Seine Muskeln schrien nach Sauerstoff. Ein unerträglicher Schmerz packte ihn. Mit letzter Kraft begehrte er auf, versuchte den Kopf zu heben und Luft zu holen.
Er hörte einen Knall in der Ferne und wusste, dass jemand gestorben war.

Kalliste

Die Luft schmeckte faulig. Der Boden unter ihren Füßen war mit frischem Schnee bedeckt. Trotzdem sie auf dem rutschigen Untergrund eins ums andere Mal den Halt verlor, rannte sie weiter. Panisch blinzelte sie über ihre Schulter. Hatte da nicht ein Ast geknackt? Sie war sich sicher, etwas gehört zu haben! Kalliste zog die Kapuze tiefer in die Stirn, sprang auf einen Baumstamm und stieß sich davon ab. Der Wind heulte furcheinflößend über ihrem Kopf. Der Mond war so hell, dass die Bäume riesige Schatten auf den Schnee warfen.
Sie hörte die Wölfe hinter sich heulen und sah abermals panisch über ihre Schulter. Inzwischen waren die Tiere bedrohlich näher gekommen. Adrenalin schoss in ihre Venen, zuspät. Mit der Spitze ihres linken Stiefels verfing sie sich in einer Wurzel und fiel der Länge nach zu Boden.
„Jetzt ist alles aus.“, dachte Kalliste und sah wieder über ihre Schulter. Der erste der Wölfe sprang auf ihren Rücken und bleckte die Reißzähne. Dann bäumte er sich auf und verwandelte sich in einen Mann, dessen Silhouette von einem langen Mantel verhüllt wurde. Voll Furcht starrte Kalliste ihn an und versuchte zurückzurutschen, doch der Mann hatte seinen Stiefel auf ihren Rücken gestellt. Auch die anderen Wölfe erhoben sich zu ihrer menschlichen Gestalt: Männer in knöchellangen, schwarzen Mänteln und Hüten. Einer glich dem Anderen auf’s Haar.
„Endlich haben wir dich.“, donnerte der Mann, dessen Stiefel auf ihrem Rücken stand. Es war Geras, der Ordensälteste. Kalliste versuchte, sich unter ihm freizukämpfen, doch das führte nur dazu, dass er den Druck auf seinen Stiefel verstärkte und sie tiefer in den matschigen Schnee presste. Schnee, Kies und Schlamm versperrten ihr Mund und Nase und verhinderten, dass sie atmen konnte.
„Hebt sie auf!“, befahl Geras dann. Daraufhin packen zwei der Männer sie am Arm und rissen sie auf die Füße. Einer der Männer schlug die Kapuze ihres Mantels zurück und zwang sie, ihrem Peiniger ins Gesicht zu blicken. „Kalliste… Du weißt doch, dass du den Orden nicht verlassen kannst. Du wirst für immer bei uns bleiben.“, säuselte er, hob die Hand und wischte ihr den Schlamm von den Wangen. Kalliste spuckte ihm den Matsch, der ihr noch immer den Mund verklebte ins Gesicht.
Geras hob die Hand und wischte sich den Schlamm von den Wangenknochen. Kalliste grinste ihn breit an: „Ich werde mich Eurem Orden niemals unterwerfen, Geras. Niemals! Zwingt mich doch!“ In Kallistes Augen glänzte der Wahnsinn. „Zwingt mich! Nehm mir alle Magie und zwingt mich!“ Geras verzog angewidert das Gesicht und wandte sich dann ab. „Schafft sie mir aus den Augen!“, flüsterte er. Wild begann Kalliste zu gackern. Es gab keinen Ausweg, kein Entkommen… oder doch?

Die Handlanger des Ordensälteste zogen ihr Handschuhe aus schwerem Leder an. Sie waren mit öligen Metallkugeln gefüllt und so schwer, dass Kalliste die Hände nicht heben konnte und keine Magie wirken konnte. Dann packen zwei Männer sie an den Oberarmen und schliffen sie so über den Waldboden, dass ihre Schienbeine und Knie aufschlugen. Sie versuchte, mit den Männern mit zu stolpern, doch die bewegten sich so, dass Kalliste immer wieder fiel.

Der Hauptsitz des Ordens war ein furchteinflößendes Gebäude. Es war ein schwarzer, fensterloser Würfel, dessen Oberfläche im Mondlicht glänzte wie ein geöltes Schwert. Es war aus dem gleichen fetttriefenden, öligen Metall, das auch in den Handschuhen verarbeitet war, das verhinderte, dass Magier nach ihren Kräften greifen konnten.
Mit schreckgeweiteten Augen starrte Kalliste das Gebäude an, während sie von den Ordensmännern hineingeschoben wurde.
„Also, Kalliste…“, säuselte Geras. Er stand direkt hinter ihr und sie konnte seinen widerlich feuchten Atem im Nacken spüren. „ …Was planen die Magier, um uns zu schlagen?“ Kalliste starrte ihn an. Noch immer glitzerte der Wahnsinn in ihren Augen.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin seit Monaten Eure Gefangene! Ich habe seit Monaten keinen Kontakt mehr zu den anderen Magiern!“
Geras fuhr mit der Zunge über seine Lippe. Dann wies er seine Handlanger mit einem Kopfnicken an, zu gehen. „Kalliste..“, raunte er. „Du willst mir doch nicht weiß machen, dass du dort draußen eben keine Informationen ausgetauscht hast. Was weißt du über den Angriff?“ Er legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Du willst doch nicht… dass ich dir ein Leid zufüge…“ Mit diesen Worten trat er einen Schritt zurück und musterte sie wie ein Stück Fleisch.
„Du willst einer wehrlosen unbewaffneten Frau Gewalt antun?“, fragte sie ihn zurück und schob das Kinn dabei vor.
Geras lachte selbstgefällig: „Ihr Magier seid alle gleich. Jahrhunderte lang habt ihr die Gestaltwandler unterdrückt und für eure Zwecke missbraucht.“ Das Lachen erstarb und machte einem zornigen Funkeln Platz. „Aber das ist vorbei. Wir haben endlich eine Waffe gegen euch gefunden. Wir werden euch alles heimzahlen, was ihr uns über die Jahrhunderte angetan habt, Magierin.“ Er packte ihr Kinn und zog sie zu sich heran. Kalliste grinste ihn herausfordernd an und fing dann abermals an zu gackern. „Ein paar ölige Steine sind noch lange kein Sieg für Euch. Die Gestaltwandler werden niemals frei sein. Ihr werdet für immer die Sklaven der Magier sein.“
Das war zu viel für Geras. Er holte aus und schlug die Magierin mit seiner Wolfpranke ins Gesicht. Vom Gewicht des Schlags getroffen taumelte Kalliste und ging schließlich zu Boden. Erst sah sie ihn erschrocken an, dann fing sie höhnisch an zu lachen. „Eher sterbe ich, als eurem animalischen Pack zu Diensten zu sein!“
Geras beugte sich zu ihr herab und packte ihr Kinn erneut. Dann ließ er sie los und drehte sich um. Von einem Tisch nahm er einen Handbohrer.
„Was willst du denn damit?“, fragte Kalliste ihn herausfordernd, doch inzwischen war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie es tatsächlich wissen wollte. Ihr Mund wurde trocken beim Anblick des Geräts und kalter Schweiß trat auf ihre Haut.
Geras betrachtete die Tätowierungen auf ihrem glatten Schädel. Dann setzte er den Bohrer in den Mittelpunkt zweiter sich kreuzender Linien. „Halt!“, rief Kalliste schließlich panisch, bevor er ihren Schädel anbohren konnte. Die Information würde er so oder so von ihr bekommen. Aber sie konnte ihr eigenes Leben retten, wenn sie die Magier hinter den Waldrand verriet. „Ich erzähle Euch alles, was ihr wissen wollt.“
Siegessicher nahm Geras den Bohrer von ihrer Schädeldecke und trat zurück. „Also? Was planen die Magier, um uns zu besiegen?“ Kalliste keuchte schwer. Sie zögerte. Alles was er tat, wenn sie die Information verweigerte, war sie mit Gewalt aus ihrem Schädel zu bohren. Er würde es in jedem Fall erfahren. „Was ist, Kalliste?“, fragte Geras herausfordernd und spielte mit dem Bohrer herum.
Kalliste schnaufte. „Sie formieren sich hinter dem Waldrand.“, erwiderte sie endlich. Auf Geras‘ Lippen lag noch immer ein breites Grinsen. „Hinter dem Wandrand? Ist das alles, was du weißt?“, wiederholte er und klang enttäuscht.
„Das ist alles, was ich weiß.“, bestätigte sie ängstlich. Er seufzte, setzte den Bohrer wieder auf der Schädeldecke der Magierin an, und fing dann an zu bohren. Kalliste schrie, bis der Schmerz sie übermannte und sie erschöpft zusammensank. Geras setzte den Bohrer ab und verschloss das Loch rasch mit der Handfläche.
Im Moment ihres Todes nahm er ihre Erinnerungen an sich.
Sie hatte die Wahrheit gesagt.