Der neue Nachbar

Es klingelte an der Haustür und Zoé schrak von ihrem Laptop hoch. Sie zögerte einen Moment, dann huschte sie zur Haustür. Neugierig linste sie durch den Spion in der Tür. Tatsächlich. Das war der neue Nachbar. Er war groß und gutgebaut. Unter perfekt in die Stirn frisierten Strähnen leuchteten ein Paar strahlendblauer Augen. „Hallo schöner Mann.“, wisperte sie, ehe sie nach der Türklinke griff und sie schwungvoll öffnete.
Dabei schlug sie sich den Kopf an der Türzarge an. „Au!“, rief sie und rieb sich die Stirn, statt sexy vor ihm zu posieren.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Mann sofort besorgt nach und streckte gleich hilfsbereit die Hände aus.
„Ja, geht schon.“, zischte Zoé, rieb noch einmal verstohlen über ihre Stirn und lächelte den Mann dann an.
„Ich bin Julian. Ich bin grade eingezogen.“, stellte er sich vor.
„Zoé“, stellte sie sich vor, lächelte anzüglich und lehnte sich in den Türrahmen. Zumindest versuchte sie das, doch sie verpasste den Türrahmen und kippte in den Flur.
Julian verkniff sich das Grinsen. „Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt und ging vor ihr in die Knie.
„Ja.“, zischte Zoé schmerzerfüllt und rieb über ihren Arm, auf dem sie bei ihrem Sturz unglücklich gelandet war.
„Das sieht aber gar nicht gut aus.“ Julian hab die Hand und strich Zoé das Haar aus der Stirn. Sein Blick klebte an der Stelle, die sie sich gestoßen hatte.
„Ach, geht schon.“
Julian schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich. Das sieht alles andere als gut aus. Du solltest es vielleicht kühlen.“
Zoé erhob sich und Julian folgte der Bewegung. Das unangenehme Schweigen folgte auf dem Fuß, als sie sich in der offenen Tür gegenüberstanden. ‚Komm schon, Zoé, sag etwas. Lad ihn zum Essen ein.‘, dachte sie, tat es dann aber doch nicht.
„Gut, also. Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen.“, verabschiedete Julian sich.
‚Das wäre jetzt die perfekte Gelegenheit, ihn herein zu bitten.‘; meldete sich eine kleine Stimme in ihrem Kopf. „Mich auch!“, antwortete sie ihm rasch und nahm die Hand, die er ihr anbot, um sie zu schütteln.
Sie schüttelte seine Hand einen Moment zu lang und zog ihre Hand dann peinlich berührt zurück. Julian lächelte verlegen, dann drehte er sich um und ging.
Zoé schloss die Tür und lehnte sich dagegen.
„Das hast du ja wieder toll gemacht, Zoé.“, schimpfte sie mit sich selbst. „Da steht einmal ein gutaussehender Mann vor deiner Haustür und du musst es wieder versauen.“
Sie wirbelte zu Spiegel herum, der an der Wand im Eingangsbereich hing, um ihre Stirn in Augenschein zu nehmen.
„Das habe ich gehört!“, rief eine Stimme von draußen und Zoé biss auf ihre Unterlippe. Sie löste den Blick von der langsam wachsenden Beule auf ihrer Stirn und öffnete die Tür wieder.
Julian, der sich von außen gegen die Tür gelehnt hatte, verlor das Gleichgewicht, als Zoé sie plötzlich öffnete und fiel ihr in den Arm.
Lachend langen die beiden auf Zoés schneeweißem Fliesenboden. Als sie sich beruhigt hatten, grinste Julian: „Du kannst mir ja die Stadt zeigen. Ich hol dich heute Abend ab.“

Kinderaugen

Wie ein Gewitter rollte der Lärm der denaturierenden Bomben über sie hinweg. Instinktiv zog Jesper den Kopf ein. Immer wenn eine Bombe explodierte, leuchtete der Nachthimmel hell auf und blendete ihn.
„Ich will sterben.“, flüsterte er, während er die kalten Finger um das eisige Metall seiner Waffe klammerte.
„Du willst nicht sterben.“, widersprach George ihm. Er sah ihm aufmunternd an und drückte ihm die Suppenschüssel ein bisschen tiefer in die Stirn. „Pass auf!“, zischte er plötzlich und drückte sein Gesicht in den Matsch.
Jesper wehrte sich instinktiv dagegen in den Matsch gepresst zu werden, dann hörte er, was George gehört hatte: Über ihre Köpfe raste ein Granatensplitter hinweg. Vor Schreck blieb Jesper stocksteif liegen. Er spürte, wie seine Kehle schwoll, wie Tränen sich bildeten, während sein Mund mit eisigem Schlamm verklebt war. Warum hatte er in den Krieg ziehen müssen? Warum konnte er nicht bei seiner Mutter sein?
George ließ seinen Kopf los und Jesper hob langsam den Blick. „Ist es vorbei?“, fragte er seinen Kameraden. Doch der hörte ihm gar nicht zu, sondern starrte hypnotisiert in die Ferne. Dann sprang er plötzlich auf die Füße. „Lauf!“, flüsterte er Jesper zu und rannte dann aus dem Bombentrichter, in dem sie gelegen hatten.
Jesper sah ihm überrascht nach, dann rappelte er sich auf und stolperte hinter seinem Kameraden her. Er wagte es nicht, nachzusehen, wovor sie flüchteten. Wieder leuchtete der Himmel gleißend weiß auf. Jespers rechter Fuß verfing sich in einer Wurzel: Er stolperte und landete mit dem Gesicht voran im blutdurchtränkten Matsch.
„George!“, rief er verzweifelt, während er versuchte, sich aufzurappeln. Als er den Kopf hob, konnte er nichts sehen. Das Licht des Blitzes hatte ihn blind gemacht. Orientierungslos stolperte er weiter, bis ihn jemand an der Schulter packte und festhielt.
Er hörte eine fremde Sprache. Jemand lachte. „Deutsche!“, dachte Jesper und das Blut gefror in seinen Adern. Jetzt war er tot. Er würde nie wieder nach Hause kommen. Er würde hier und heute im Niemandsland sterben. Draufgehen, bei diesem sinnlosen Blutvergießen.
Die Männer, denen er in die Arme gelaufen war, lachten. Ihm liefen Tränen über die Wangen. Wieder hörte er die fremde Sprache, dann schlug ihm jemand ins Gesicht.
Jesper verlor das Gleichgewicht und fiel. Der Geschmack von Blut breitete sich widerwärtig in seinem Mund aus.
„Was machen wir jetzt mit dir?“, fragte einer und beugte sich zu ihm herab. Ungläubig sah Jesper auf. Sprach er Englisch? Mit ihm?
Einer der Deutschen stellte amüsiert seinen Stiefel auf seinen Kopf und drückte ihn mit dem Gesicht in den Schlamm. Wieder verstopfte die blutgetränkte Erde seine Nase und seinen Mund. Verzweifelt wehrte er sich, versuchte, seinen Kopf zu heben. Doch je mehr er gegen den Deutschen kämpfte, desto fester wurde er in den Schlamm gepresst.
Er würde wirklich sterben. Nicht wie ein Held. Sondern mit Dreck im Mund.
Langsam verließ ihn die Kraft. Seine Muskeln schrien nach Sauerstoff. Ein unerträglicher Schmerz packte ihn. Mit letzter Kraft begehrte er auf, versuchte den Kopf zu heben und Luft zu holen.
Er hörte einen Knall in der Ferne und wusste, dass jemand gestorben war.