Der Mensch

„Runter“, flüsterte der Richter fast unhörbar leise. Die Luft vibrierte unter seiner Stimme. Sein Befehl kam so kalt, dass die Feuchtigkeit in der Luft augenblicklich zu Eiskristallen gefror.
Ayristo sah seinen Richter an und schluckte trocken. Langsam, ganz langsam stieg der Mann von der Anklagebank.
Eingehend musterte der Richter den Angeklagten und befahl: „Zieh deinen Mantel und deine Schuhe aus.“
Ayristo zögerte. Dann öffnete er die Platinspange seines Mantels. Er legte den Nerz auf die Anklagebank und stellte die Krokodillederschuhe dazu.
„Deine Uhr, dein Gürtel und das Jackett ebenfalls.“
Er hatte dem Richter noch den Rücken zugekehrt. Er fuhr mit der Zunge über seine Lippen, während er zögerte. Dann sah er zu seiner Uhr. Die Diamanten in den Indices strahlten ihn bitterböse an, während er die Schließe öffnete. Fast schon zärtlich platzierte er die Uhr zwischen seinen Schuhen und seinem Gürtel.
Grade wollte er sich zu seinem Richter umwenden, als der erneut das Wort ergriff. „Du trägst ja immer noch Luxus. Deine Manschettenknöpfe und dieses Hemd solltest du auch dazulegen.“
Ayristo überlegte, sich gegen die ungerechte Behandlung zu wehren. Doch er war seinem Richter in keiner Weise gewachsen. Und der wurde auch nicht müde, ihm die Macht zu demonstrieren, die er über ihn hatte.
Schließlich stand er dem Richter in seiner Unterwäsche gegenüber. Der Richter schürzte die Lippen, während er den Angeklagten musterte. „Dort wo ich mit dir hingehe, wirst du auch das nicht brauchen.“, erklärte der Richter ihm.
„Ich-… Das können Sie nicht machen…!“
„Schweig!“, donnerte der Richter.
Ayristo fuhr zusammen. Das Wasser in der Luft gefror augenblicklich und rieselte in winzigen Eiskristallen zu Boden. Er zögerte keine Sekunde länger, sondern gehorchte dem Richter.
Scham stieg in ihm auf, als er völlig nackt mitten im Gerichtssaal stand. Instinktiv versuchte er, sich unter den eigenen Armen zu verstecken.
„ Ayristo, ich habe dich gewogen.“, erklärte der Richter. „Ich habe dich gewogen und für schlecht befunden.“
Die Scham auf seinen Schultern wurde durch diese Worte so schwer, dass er den Kopf senken musste.
„Du hast großes Leid über die Menschen in deinem Leben gebracht.“
„Ich-… verstehe nicht.“
Der Richter machte eine ausladende Geste. Mitten im Gerichtssaal fand sich Nebel zusammen, der immer dichter und dichter wurde, bis er schließlich undurchdringlich weiß wurde. Schemenhaft formten sich Schatten in dem Nebel zu Bildern zusammen.
Ein Mann schrie eine Reihe angsterfüllter Menschen an, die beharrlich versuchten, unbeteiligt zu erscheinen, um nicht Zentrum des Geschreis zu werden.
Das Bild verwirbelte.
Der nächste Schatten warf achtlos Gift in einen Fluss, das augenblicklich alle Fische in dem Fluss tötete.
Der Nebel zog durch den Gesichtssaal und zeigte ein neues Bild.
Auf dem Meer schwamm ein dicker, undurchdringlicher Giftteppich.
Ein Weizenfeld wurde mit einer schrecklich stinkenden Chemikalie bespritzt. Der leuchtende Klatschmohn neben dem Getreide verlor die zarten Blätter.
Bäume verbrannten am Horizont und füllten den Gerichtssaal mit beißendem, schwarzem Qualm.
„Aufhören!“, flehte Ayristo auf den Knien. „Aufhören!“

Ein Gong zerbrach das Bild. Erschrocken fuhr Ayristo hoch. Er saß an seinem Schreibtisch. Hinter ihm schlug die alte Pendeluhr grade zwölf.
Er wandte sich zu der Uhr um, dann stand er auf und trat an das Fenster. Von hier konnte er in die Fabrikhalle sehen, in der seine Angestellten Gift abfüllten und in Karton verpackten.
Der Richter hatte ihn gewogen und ihn für schlecht befunden.
Ayristo sah auf die Uhr.
Zwölf. – Es war spät.
Aber noch nicht zuspät.

Kalliste

Die Luft schmeckte faulig. Der Boden unter ihren Füßen war mit frischem Schnee bedeckt. Trotzdem sie auf dem rutschigen Untergrund eins ums andere Mal den Halt verlor, rannte sie weiter. Panisch blinzelte sie über ihre Schulter. Hatte da nicht ein Ast geknackt? Sie war sich sicher, etwas gehört zu haben! Kalliste zog die Kapuze tiefer in die Stirn, sprang auf einen Baumstamm und stieß sich davon ab. Der Wind heulte furcheinflößend über ihrem Kopf. Der Mond war so hell, dass die Bäume riesige Schatten auf den Schnee warfen.
Sie hörte die Wölfe hinter sich heulen und sah abermals panisch über ihre Schulter. Inzwischen waren die Tiere bedrohlich näher gekommen. Adrenalin schoss in ihre Venen, zuspät. Mit der Spitze ihres linken Stiefels verfing sie sich in einer Wurzel und fiel der Länge nach zu Boden.
„Jetzt ist alles aus.“, dachte Kalliste und sah wieder über ihre Schulter. Der erste der Wölfe sprang auf ihren Rücken und bleckte die Reißzähne. Dann bäumte er sich auf und verwandelte sich in einen Mann, dessen Silhouette von einem langen Mantel verhüllt wurde. Voll Furcht starrte Kalliste ihn an und versuchte zurückzurutschen, doch der Mann hatte seinen Stiefel auf ihren Rücken gestellt. Auch die anderen Wölfe erhoben sich zu ihrer menschlichen Gestalt: Männer in knöchellangen, schwarzen Mänteln und Hüten. Einer glich dem Anderen auf’s Haar.
„Endlich haben wir dich.“, donnerte der Mann, dessen Stiefel auf ihrem Rücken stand. Es war Geras, der Ordensälteste. Kalliste versuchte, sich unter ihm freizukämpfen, doch das führte nur dazu, dass er den Druck auf seinen Stiefel verstärkte und sie tiefer in den matschigen Schnee presste. Schnee, Kies und Schlamm versperrten ihr Mund und Nase und verhinderten, dass sie atmen konnte.
„Hebt sie auf!“, befahl Geras dann. Daraufhin packen zwei der Männer sie am Arm und rissen sie auf die Füße. Einer der Männer schlug die Kapuze ihres Mantels zurück und zwang sie, ihrem Peiniger ins Gesicht zu blicken. „Kalliste… Du weißt doch, dass du den Orden nicht verlassen kannst. Du wirst für immer bei uns bleiben.“, säuselte er, hob die Hand und wischte ihr den Schlamm von den Wangen. Kalliste spuckte ihm den Matsch, der ihr noch immer den Mund verklebte ins Gesicht.
Geras hob die Hand und wischte sich den Schlamm von den Wangenknochen. Kalliste grinste ihn breit an: „Ich werde mich Eurem Orden niemals unterwerfen, Geras. Niemals! Zwingt mich doch!“ In Kallistes Augen glänzte der Wahnsinn. „Zwingt mich! Nehm mir alle Magie und zwingt mich!“ Geras verzog angewidert das Gesicht und wandte sich dann ab. „Schafft sie mir aus den Augen!“, flüsterte er. Wild begann Kalliste zu gackern. Es gab keinen Ausweg, kein Entkommen… oder doch?

Die Handlanger des Ordensälteste zogen ihr Handschuhe aus schwerem Leder an. Sie waren mit öligen Metallkugeln gefüllt und so schwer, dass Kalliste die Hände nicht heben konnte und keine Magie wirken konnte. Dann packen zwei Männer sie an den Oberarmen und schliffen sie so über den Waldboden, dass ihre Schienbeine und Knie aufschlugen. Sie versuchte, mit den Männern mit zu stolpern, doch die bewegten sich so, dass Kalliste immer wieder fiel.

Der Hauptsitz des Ordens war ein furchteinflößendes Gebäude. Es war ein schwarzer, fensterloser Würfel, dessen Oberfläche im Mondlicht glänzte wie ein geöltes Schwert. Es war aus dem gleichen fetttriefenden, öligen Metall, das auch in den Handschuhen verarbeitet war, das verhinderte, dass Magier nach ihren Kräften greifen konnten.
Mit schreckgeweiteten Augen starrte Kalliste das Gebäude an, während sie von den Ordensmännern hineingeschoben wurde.
„Also, Kalliste…“, säuselte Geras. Er stand direkt hinter ihr und sie konnte seinen widerlich feuchten Atem im Nacken spüren. „ …Was planen die Magier, um uns zu schlagen?“ Kalliste starrte ihn an. Noch immer glitzerte der Wahnsinn in ihren Augen.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin seit Monaten Eure Gefangene! Ich habe seit Monaten keinen Kontakt mehr zu den anderen Magiern!“
Geras fuhr mit der Zunge über seine Lippe. Dann wies er seine Handlanger mit einem Kopfnicken an, zu gehen. „Kalliste..“, raunte er. „Du willst mir doch nicht weiß machen, dass du dort draußen eben keine Informationen ausgetauscht hast. Was weißt du über den Angriff?“ Er legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Du willst doch nicht… dass ich dir ein Leid zufüge…“ Mit diesen Worten trat er einen Schritt zurück und musterte sie wie ein Stück Fleisch.
„Du willst einer wehrlosen unbewaffneten Frau Gewalt antun?“, fragte sie ihn zurück und schob das Kinn dabei vor.
Geras lachte selbstgefällig: „Ihr Magier seid alle gleich. Jahrhunderte lang habt ihr die Gestaltwandler unterdrückt und für eure Zwecke missbraucht.“ Das Lachen erstarb und machte einem zornigen Funkeln Platz. „Aber das ist vorbei. Wir haben endlich eine Waffe gegen euch gefunden. Wir werden euch alles heimzahlen, was ihr uns über die Jahrhunderte angetan habt, Magierin.“ Er packte ihr Kinn und zog sie zu sich heran. Kalliste grinste ihn herausfordernd an und fing dann abermals an zu gackern. „Ein paar ölige Steine sind noch lange kein Sieg für Euch. Die Gestaltwandler werden niemals frei sein. Ihr werdet für immer die Sklaven der Magier sein.“
Das war zu viel für Geras. Er holte aus und schlug die Magierin mit seiner Wolfpranke ins Gesicht. Vom Gewicht des Schlags getroffen taumelte Kalliste und ging schließlich zu Boden. Erst sah sie ihn erschrocken an, dann fing sie höhnisch an zu lachen. „Eher sterbe ich, als eurem animalischen Pack zu Diensten zu sein!“
Geras beugte sich zu ihr herab und packte ihr Kinn erneut. Dann ließ er sie los und drehte sich um. Von einem Tisch nahm er einen Handbohrer.
„Was willst du denn damit?“, fragte Kalliste ihn herausfordernd, doch inzwischen war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie es tatsächlich wissen wollte. Ihr Mund wurde trocken beim Anblick des Geräts und kalter Schweiß trat auf ihre Haut.
Geras betrachtete die Tätowierungen auf ihrem glatten Schädel. Dann setzte er den Bohrer in den Mittelpunkt zweiter sich kreuzender Linien. „Halt!“, rief Kalliste schließlich panisch, bevor er ihren Schädel anbohren konnte. Die Information würde er so oder so von ihr bekommen. Aber sie konnte ihr eigenes Leben retten, wenn sie die Magier hinter den Waldrand verriet. „Ich erzähle Euch alles, was ihr wissen wollt.“
Siegessicher nahm Geras den Bohrer von ihrer Schädeldecke und trat zurück. „Also? Was planen die Magier, um uns zu besiegen?“ Kalliste keuchte schwer. Sie zögerte. Alles was er tat, wenn sie die Information verweigerte, war sie mit Gewalt aus ihrem Schädel zu bohren. Er würde es in jedem Fall erfahren. „Was ist, Kalliste?“, fragte Geras herausfordernd und spielte mit dem Bohrer herum.
Kalliste schnaufte. „Sie formieren sich hinter dem Waldrand.“, erwiderte sie endlich. Auf Geras‘ Lippen lag noch immer ein breites Grinsen. „Hinter dem Wandrand? Ist das alles, was du weißt?“, wiederholte er und klang enttäuscht.
„Das ist alles, was ich weiß.“, bestätigte sie ängstlich. Er seufzte, setzte den Bohrer wieder auf der Schädeldecke der Magierin an, und fing dann an zu bohren. Kalliste schrie, bis der Schmerz sie übermannte und sie erschöpft zusammensank. Geras setzte den Bohrer ab und verschloss das Loch rasch mit der Handfläche.
Im Moment ihres Todes nahm er ihre Erinnerungen an sich.
Sie hatte die Wahrheit gesagt.