Patria Potestas

Leichtfüßig sprang Hera die letzten Stufen zur Agora hinab und sah sich dann suchend nach ihren Freundinnen um. Die entdeckten die kleine Athenerin zuerst und winkten ihr wie wild von einem Brunnen zu, auf dessen Vorsprung sie saßen und aufgeregt schnatterten.
„Guten Morgen!“, grüßte Hera ihre Freundinnen fröhlich, dann raffte sie das Ende ihres Gewandes und setzte sich neben ihre Freundinnen an den Brunnen.
„Dein Vater hat dir ein neues Kleid gekauft?“, fragte Penelope neidisch und streckte die Hand nach dem Saum ihres Gewandes aus.
Hera nickte eifrig: „Er ist grade von einer Handelsreise zurückgekommen. Das ist Baumwolle aus Indien.“ Die Mädchen fühlten aufgeregt über den weichen Stoff.
„Ich wünschte, mein Vater würde auch mit Indien Handel treiben.“, seufzte Thalia und lehnte sich ein Stück zurück. Ihr Blick strich neugierig über die Agora.
„Wie kommt es, dass…“, setzte Penelope an, doch Thalia unterbrach sie. „Das ist er!“, rief sie. Hera folgte dem Fingerzeig und entdeckte einen Soldaten.
„Das ist einer von diesen römischen Centurionen.“, wehrte Penelope gelangweilt ab.
„Das ist nicht irgendein Centurio, du Dummchen.“, tadelte Thalia ihre Freundin seufztend. „Das ist Silas.“
„Silas?“, wiederholte Hera interessiert und nahm den Centurio in Augenschein. Er trug seinen Helm unter dem rechten Arm, während er über den Markt schlenderte.
„Ja Silas.“, bestätigte Thalia und beugte sich vor. „Man erzählt sich, in seiner Centurie gibt es eine Spartanerin.“
„Eine Frau? Das glaube ich nicht. Das würden diese besessenen Römer doch niemals zulassen.“, erwiderte Penelope. Heras Blick klebte noch immer an den Schultern des Centurio. Als er sich umdrehte, traf sie seinen Blick. Sie hielt dem Blick solange stand, wie sie konnte, dann schlug sie die Augen nieder.
„Ich habe mich schon ein paar Mal in das Gymnasion geschlichen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Doch leider ohne Erfolg.“, seufzte Thalia, während sie dem Centurio hinterherschmachtete.
„Ich kenne ihn.“, wisperte Hera plötzlich und sofort hörten ihre Freundinnen auf zu schnattern und starrten Hera an. „Wie?“, fragte Penelope „Woher?“
„Er ist ein Günstling meines Vaters.“, begann Hera und sah dann auf. „Er geht oft in unserem Haus ein und aus. Ich habe ihn schon ein paar Mal gesprochen. Er ist tugendhaft, ich glaube nicht, dass es eine Frau in seiner Centurie gibt.“, nahm sie ihn Schutz. Aber sie wusste es besser. Ihr Vater hatte ihre Blicke in Silas‘ Richtung aufgenommen und sie mehrfach vor dem Mann gewarnt.
„Soldaten und Politiker“, hatte er ihr eingeschärft. „Sind ein Volk, dem du nicht vertrauen kannst.“
Hera erhob sich mit einem Seufzen, schöpfte mit den Händen Wasser aus dem Brunnen und trank es.
„Warum hast du uns nie von ihm erzählt?“, fragte Penelope aufgeregt.
„Habe ich nicht?“, fragte Hera überrascht zurück. Thalia und Penelope schüttelte gleichzeitig den Kopf. Hera zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht fand ich ihn nicht spannend genug. Es ist nur ein Centurio.“
„Nur ein Centurio?!“, wiederholten die beiden Freundinnen wie aus einem Mund. „Hast du sein Gesicht gesehen? Er muss der Sohn der Aphrodite sein! Ich würde alles tun, damit er mich heiratet!“
Hera hatte sein Gesicht natürlich gesehen und wusste, was ihre Freundinnen meinten. Silas war ausgesprochen schön. Seine Haut war ebenmäßig und hell, sein Haar glänzte golden in der Sonne und so wie er sich bewegte, verbarg er beeindruckenden Körper unter seiner Rüstung…
Er war nicht nur irgendein Centurio. Schon gar nicht für sie. Aber sie würde Thalia und Penelope nicht auf die Nase binden, dass Silas ihr bereits Avancen gemacht hatte – und dass sie versucht war, diesen nachzugeben. Einzig ihr Vater hielt sie davon ab, ihm nachzugeben.
„Mein Vater hat versprochen, mich auf die nächste Reise mitzunehmen.“, wechselte sie eilig das Thema. Ihr Versuch hatte Erfolg, denn Thalia und Penelope schenkten ihr sofort ihr ungeteiltes Interesse. Sie wussten, dass Hera ihrem Vater schon seit Jahren damit in den Ohren lag. Er hatte es immer wieder abgelehnt, seine einzige Tochter mit an Board zu nehmen. Umso erstaunlicher war es, dass er sich hatte erweichen lassen, Hera mit zu nehmen.
„Wohin reist dein Vater?“, fragte Penelope gleich.
„Jetzt kannst du diese wundervollen, exotischen Orte kennenlernen.“, schwärmte Thalia neidvoll. „Ich wünschte, mein Vater würde Handel treiben.“
„Wir fahren nach über Acitum und Sicilia nach Ostia.“, erklärte Hera. „Er sagt, diese Route sei sicher, auch wenn die beiden… Römer in Streit liegen.“
Penelope wusste, wen Hera meinte, denn ihr Vater hatte ihr die angespannte, politische Situation in Rom erklärt. „Er meint die Konsule.“
„Wer auch immer Streit hat, das ist mir völlig gleich. Ich werde reisen und Rom sehen!“, rief Hera fröhlich.
Thalia betrachtete Heras zierliche Statur und sah dann Penelope an.
Irgendetwas sagte ihr, dass Hera von dieser Reise nicht zurückkehren würde.

Der neue Nachbar

Es klingelte an der Haustür und Zoé schrak von ihrem Laptop hoch. Sie zögerte einen Moment, dann huschte sie zur Haustür. Neugierig linste sie durch den Spion in der Tür. Tatsächlich. Das war der neue Nachbar. Er war groß und gutgebaut. Unter perfekt in die Stirn frisierten Strähnen leuchteten ein Paar strahlendblauer Augen. „Hallo schöner Mann.“, wisperte sie, ehe sie nach der Türklinke griff und sie schwungvoll öffnete.
Dabei schlug sie sich den Kopf an der Türzarge an. „Au!“, rief sie und rieb sich die Stirn, statt sexy vor ihm zu posieren.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Mann sofort besorgt nach und streckte gleich hilfsbereit die Hände aus.
„Ja, geht schon.“, zischte Zoé, rieb noch einmal verstohlen über ihre Stirn und lächelte den Mann dann an.
„Ich bin Julian. Ich bin grade eingezogen.“, stellte er sich vor.
„Zoé“, stellte sie sich vor, lächelte anzüglich und lehnte sich in den Türrahmen. Zumindest versuchte sie das, doch sie verpasste den Türrahmen und kippte in den Flur.
Julian verkniff sich das Grinsen. „Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt und ging vor ihr in die Knie.
„Ja.“, zischte Zoé schmerzerfüllt und rieb über ihren Arm, auf dem sie bei ihrem Sturz unglücklich gelandet war.
„Das sieht aber gar nicht gut aus.“ Julian hab die Hand und strich Zoé das Haar aus der Stirn. Sein Blick klebte an der Stelle, die sie sich gestoßen hatte.
„Ach, geht schon.“
Julian schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich. Das sieht alles andere als gut aus. Du solltest es vielleicht kühlen.“
Zoé erhob sich und Julian folgte der Bewegung. Das unangenehme Schweigen folgte auf dem Fuß, als sie sich in der offenen Tür gegenüberstanden. ‚Komm schon, Zoé, sag etwas. Lad ihn zum Essen ein.‘, dachte sie, tat es dann aber doch nicht.
„Gut, also. Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen.“, verabschiedete Julian sich.
‚Das wäre jetzt die perfekte Gelegenheit, ihn herein zu bitten.‘; meldete sich eine kleine Stimme in ihrem Kopf. „Mich auch!“, antwortete sie ihm rasch und nahm die Hand, die er ihr anbot, um sie zu schütteln.
Sie schüttelte seine Hand einen Moment zu lang und zog ihre Hand dann peinlich berührt zurück. Julian lächelte verlegen, dann drehte er sich um und ging.
Zoé schloss die Tür und lehnte sich dagegen.
„Das hast du ja wieder toll gemacht, Zoé.“, schimpfte sie mit sich selbst. „Da steht einmal ein gutaussehender Mann vor deiner Haustür und du musst es wieder versauen.“
Sie wirbelte zu Spiegel herum, der an der Wand im Eingangsbereich hing, um ihre Stirn in Augenschein zu nehmen.
„Das habe ich gehört!“, rief eine Stimme von draußen und Zoé biss auf ihre Unterlippe. Sie löste den Blick von der langsam wachsenden Beule auf ihrer Stirn und öffnete die Tür wieder.
Julian, der sich von außen gegen die Tür gelehnt hatte, verlor das Gleichgewicht, als Zoé sie plötzlich öffnete und fiel ihr in den Arm.
Lachend langen die beiden auf Zoés schneeweißem Fliesenboden. Als sie sich beruhigt hatten, grinste Julian: „Du kannst mir ja die Stadt zeigen. Ich hol dich heute Abend ab.“