Das Tribunal

„Bringt sie herein“, donnerte eine weibliche Stimme. Die gigantischen weißen Tore des Gerichtssaales schwangen auf und zwei weiß gekleidete Soldatinnen führten eine zerlumpte Gestalt in den Saal.
Vor den Richterinnen stießen sie die zierliche Frau auf den kalten Boden. Eine Soldatin stellte ihren Fuß auf dem Rücken der Angeklagten ab.
„Botschafterin Solea, wisst Ihr, wessen Ihr angeklagt seid?“, fragte eine der Richterinnen durch die schneeweiße Maske, die ihr Gesicht während der Verhandlung verbarg.
Solea hielt den Blick gesenkt und betrachtete das Muster des Boden, während sie den Kopf desorientiert wiegte. Während ihrer Gefangenschaft, in der sie auf ihren Prozess gewartet hatte, hatte sie weder Nahrung noch Wasser bekommen. Über eine Infusion hatte sie eben das bekommen, was ihr Körper zur weiteren Existenz benötigte und Medikamente, um sie ruhig zu stellen. Ihr Körper war völlig entkräftet.
Als sie nicht antwortete, packte die Soldatin, die ihren Fuß auf ihren Rücken gestellt hatte, ihr schmutziges Haar und riss ihren Kopf hoch. Solea stöhnte vor Schmerz auf, spannte den Kiefer an und funkelte die Richterinnen an. „Warum bin ich hier?“, lallte sie. Sie konnte sich kaum konzentrieren.
„Ihr seid angeklagt, einem Cis-Wesen das Leben in der feministischen Gesellschaft ermöglich zu haben.“
Die Stimme der Richterin dröhnte in ihrem Schädel. Cis-Wesen? Was meinte sie damit? Soleas Augen rollten orientierungslos. „Tresselo! Sein Name ist Tresselo!“, antwortete sie, als sie begriff, wen die Richterinnen mit Cis-Wesen meinten.
„Ihr gebt also zu, dem Cis-Wesen Zugang zur feministischen Gesellschaft gewährt zu haben?“
Wieder rollten Soleas Augen orientierungslos herum. „Antwortet, Solea!“, fuhr eine der drei Richterinnen sie daher an und die Soldatin riss erneut an ihrem Haar. Solea schrie auf. Über ihren Mundwinkel rann ein dünnens Rinnsaal Speichel.
„Das Cis-Wesen ist ein Mann und sein Name lautet Tresselo!“, spie Solea.
„Ihr habt wohl den Verstand verloren, Botschafterin.“
„Ihr habt den Verstand verloren, die ihr Männer nicht als Menschen behandelt!“ Soleas Gesicht wurde zornrot.
„Dann habt ihr dem Cis-Wesen Zugang zu unserer Gesellschaft gewährt.“, fuhr die Richterin ungerührt fort.
„Ich habe diesen Mann als Menschen behandelt! Ich habe meine verdammte Pflicht an ihm getan!“ Abermals zog die Soldatin an ihrem Haar. Solea folgte der Bewegung, während sie vor Schmerz aufheulte.
„Cis-Wesen sind keine Menschen. Sie sind Reproduktionsabfall.“
„Reproduktionsnebenerzeugnisse, Schwester.“
„Reproduktionsnebenerzeugnisse“, echote Solea. „Hört ihr euch eigentlich selbst über fühlende menschliche Wesen sprechen?“
„Das reicht!“, donnerte die Richterin in der Mitte. „Es gibt keinen Platz in dieser Welt für Reproduktionsnebenerzeugnisse wie Cis-Wesen.“
„Keinen Platz in dieser Welt?“, lachte Solea tonlos. „Ihr haltet sie wie Hühner in Batterien, saugt die DNA aus ihnen heraus, um den Genpool zu durchmischen und dann recycelt ihr sie wie Abfälle.“
„Das ist der Preis des Lebens. Cis-Wesen sind unkompatibel für unsere Gesellschaft. Sie zerstören das friedliche, feministische Leben.“
„Ihr nennt diesen Umgang mit Leben friedlich?!“
„Hat es in den letzten zweihundert Jahren, in denen unsere feministische Welt besteht jemals Krieg gegeben?“
„Wenn man jeden unterdrückt, der anders denkt, ist Krieg ausgeschlossen!“, schleuderte Solea zurück. Die Soldatin ließ ihr Haar los. Da sie den Kopf angespannt gehalten hatte, schnellte er in Richtung des Bodens zurück. Fast schlug sie sich dabei die Nase auf.
„Ihr stimmt uns also zu, Botschafterin, dass es keinen Krieg gegeben hat in den letzten zweihundert Jahren. Die Befreiung eines Cis-Wesen aus dem Reproduktionstank gefährdet diesen Frieden.“
Solea hob den Kopf und funkelte die Richterin an. Unter der Maske erkannte sie die eisigblauen Augen der Frau.
„Ich habe versucht, der Bevölkerung die Augen für das Leben zu öffnen!“
„Ihr habt Euren Staat und unser Leben gefährdet. Für dieses Verbrechen, Botschafterin Solea, verurteilt das Tribunal Euch zum Tode. Erhebt Euch!“
Die Soldatin riss sie an den Haaren auf die Füße. Dieses Mal spannte Solea den Kiefer an, um den Schrei zu unterdrücken, während sie eilig versuchte, auf die Füße zu kommen.
Eine zweite Soldatin trat hinter Solea. Sie spürte eisiges Metall zwischen ihrem zweiten und dritten Halswirbel. Die Richterinnen erhoben sich.
„Eure letzten Worte, Botschafterin Solea.“, baten eine Richterin.
„Eure schöne Welt ist ein Albtraum! Eines Tages werdet ihr daraus erwachen und dann denkt an meine-…“
Die Richterin nickte und bevor Solea weiter sprechen konnte, glitt das Metall zwischen ihre Wirbel und durchtrennte die Nerven.
Leblos sank die Botschafterin Solea im Gerichtssaal zusammen.
„Recycelt sie.“

Kalliste

Die Luft schmeckte faulig. Der Boden unter ihren Füßen war mit frischem Schnee bedeckt. Trotzdem sie auf dem rutschigen Untergrund eins ums andere Mal den Halt verlor, rannte sie weiter. Panisch blinzelte sie über ihre Schulter. Hatte da nicht ein Ast geknackt? Sie war sich sicher, etwas gehört zu haben! Kalliste zog die Kapuze tiefer in die Stirn, sprang auf einen Baumstamm und stieß sich davon ab. Der Wind heulte furcheinflößend über ihrem Kopf. Der Mond war so hell, dass die Bäume riesige Schatten auf den Schnee warfen.
Sie hörte die Wölfe hinter sich heulen und sah abermals panisch über ihre Schulter. Inzwischen waren die Tiere bedrohlich näher gekommen. Adrenalin schoss in ihre Venen, zuspät. Mit der Spitze ihres linken Stiefels verfing sie sich in einer Wurzel und fiel der Länge nach zu Boden.
„Jetzt ist alles aus.“, dachte Kalliste und sah wieder über ihre Schulter. Der erste der Wölfe sprang auf ihren Rücken und bleckte die Reißzähne. Dann bäumte er sich auf und verwandelte sich in einen Mann, dessen Silhouette von einem langen Mantel verhüllt wurde. Voll Furcht starrte Kalliste ihn an und versuchte zurückzurutschen, doch der Mann hatte seinen Stiefel auf ihren Rücken gestellt. Auch die anderen Wölfe erhoben sich zu ihrer menschlichen Gestalt: Männer in knöchellangen, schwarzen Mänteln und Hüten. Einer glich dem Anderen auf’s Haar.
„Endlich haben wir dich.“, donnerte der Mann, dessen Stiefel auf ihrem Rücken stand. Es war Geras, der Ordensälteste. Kalliste versuchte, sich unter ihm freizukämpfen, doch das führte nur dazu, dass er den Druck auf seinen Stiefel verstärkte und sie tiefer in den matschigen Schnee presste. Schnee, Kies und Schlamm versperrten ihr Mund und Nase und verhinderten, dass sie atmen konnte.
„Hebt sie auf!“, befahl Geras dann. Daraufhin packen zwei der Männer sie am Arm und rissen sie auf die Füße. Einer der Männer schlug die Kapuze ihres Mantels zurück und zwang sie, ihrem Peiniger ins Gesicht zu blicken. „Kalliste… Du weißt doch, dass du den Orden nicht verlassen kannst. Du wirst für immer bei uns bleiben.“, säuselte er, hob die Hand und wischte ihr den Schlamm von den Wangen. Kalliste spuckte ihm den Matsch, der ihr noch immer den Mund verklebte ins Gesicht.
Geras hob die Hand und wischte sich den Schlamm von den Wangenknochen. Kalliste grinste ihn breit an: „Ich werde mich Eurem Orden niemals unterwerfen, Geras. Niemals! Zwingt mich doch!“ In Kallistes Augen glänzte der Wahnsinn. „Zwingt mich! Nehm mir alle Magie und zwingt mich!“ Geras verzog angewidert das Gesicht und wandte sich dann ab. „Schafft sie mir aus den Augen!“, flüsterte er. Wild begann Kalliste zu gackern. Es gab keinen Ausweg, kein Entkommen… oder doch?

Die Handlanger des Ordensälteste zogen ihr Handschuhe aus schwerem Leder an. Sie waren mit öligen Metallkugeln gefüllt und so schwer, dass Kalliste die Hände nicht heben konnte und keine Magie wirken konnte. Dann packen zwei Männer sie an den Oberarmen und schliffen sie so über den Waldboden, dass ihre Schienbeine und Knie aufschlugen. Sie versuchte, mit den Männern mit zu stolpern, doch die bewegten sich so, dass Kalliste immer wieder fiel.

Der Hauptsitz des Ordens war ein furchteinflößendes Gebäude. Es war ein schwarzer, fensterloser Würfel, dessen Oberfläche im Mondlicht glänzte wie ein geöltes Schwert. Es war aus dem gleichen fetttriefenden, öligen Metall, das auch in den Handschuhen verarbeitet war, das verhinderte, dass Magier nach ihren Kräften greifen konnten.
Mit schreckgeweiteten Augen starrte Kalliste das Gebäude an, während sie von den Ordensmännern hineingeschoben wurde.
„Also, Kalliste…“, säuselte Geras. Er stand direkt hinter ihr und sie konnte seinen widerlich feuchten Atem im Nacken spüren. „ …Was planen die Magier, um uns zu schlagen?“ Kalliste starrte ihn an. Noch immer glitzerte der Wahnsinn in ihren Augen.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin seit Monaten Eure Gefangene! Ich habe seit Monaten keinen Kontakt mehr zu den anderen Magiern!“
Geras fuhr mit der Zunge über seine Lippe. Dann wies er seine Handlanger mit einem Kopfnicken an, zu gehen. „Kalliste..“, raunte er. „Du willst mir doch nicht weiß machen, dass du dort draußen eben keine Informationen ausgetauscht hast. Was weißt du über den Angriff?“ Er legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Du willst doch nicht… dass ich dir ein Leid zufüge…“ Mit diesen Worten trat er einen Schritt zurück und musterte sie wie ein Stück Fleisch.
„Du willst einer wehrlosen unbewaffneten Frau Gewalt antun?“, fragte sie ihn zurück und schob das Kinn dabei vor.
Geras lachte selbstgefällig: „Ihr Magier seid alle gleich. Jahrhunderte lang habt ihr die Gestaltwandler unterdrückt und für eure Zwecke missbraucht.“ Das Lachen erstarb und machte einem zornigen Funkeln Platz. „Aber das ist vorbei. Wir haben endlich eine Waffe gegen euch gefunden. Wir werden euch alles heimzahlen, was ihr uns über die Jahrhunderte angetan habt, Magierin.“ Er packte ihr Kinn und zog sie zu sich heran. Kalliste grinste ihn herausfordernd an und fing dann abermals an zu gackern. „Ein paar ölige Steine sind noch lange kein Sieg für Euch. Die Gestaltwandler werden niemals frei sein. Ihr werdet für immer die Sklaven der Magier sein.“
Das war zu viel für Geras. Er holte aus und schlug die Magierin mit seiner Wolfpranke ins Gesicht. Vom Gewicht des Schlags getroffen taumelte Kalliste und ging schließlich zu Boden. Erst sah sie ihn erschrocken an, dann fing sie höhnisch an zu lachen. „Eher sterbe ich, als eurem animalischen Pack zu Diensten zu sein!“
Geras beugte sich zu ihr herab und packte ihr Kinn erneut. Dann ließ er sie los und drehte sich um. Von einem Tisch nahm er einen Handbohrer.
„Was willst du denn damit?“, fragte Kalliste ihn herausfordernd, doch inzwischen war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie es tatsächlich wissen wollte. Ihr Mund wurde trocken beim Anblick des Geräts und kalter Schweiß trat auf ihre Haut.
Geras betrachtete die Tätowierungen auf ihrem glatten Schädel. Dann setzte er den Bohrer in den Mittelpunkt zweiter sich kreuzender Linien. „Halt!“, rief Kalliste schließlich panisch, bevor er ihren Schädel anbohren konnte. Die Information würde er so oder so von ihr bekommen. Aber sie konnte ihr eigenes Leben retten, wenn sie die Magier hinter den Waldrand verriet. „Ich erzähle Euch alles, was ihr wissen wollt.“
Siegessicher nahm Geras den Bohrer von ihrer Schädeldecke und trat zurück. „Also? Was planen die Magier, um uns zu besiegen?“ Kalliste keuchte schwer. Sie zögerte. Alles was er tat, wenn sie die Information verweigerte, war sie mit Gewalt aus ihrem Schädel zu bohren. Er würde es in jedem Fall erfahren. „Was ist, Kalliste?“, fragte Geras herausfordernd und spielte mit dem Bohrer herum.
Kalliste schnaufte. „Sie formieren sich hinter dem Waldrand.“, erwiderte sie endlich. Auf Geras‘ Lippen lag noch immer ein breites Grinsen. „Hinter dem Wandrand? Ist das alles, was du weißt?“, wiederholte er und klang enttäuscht.
„Das ist alles, was ich weiß.“, bestätigte sie ängstlich. Er seufzte, setzte den Bohrer wieder auf der Schädeldecke der Magierin an, und fing dann an zu bohren. Kalliste schrie, bis der Schmerz sie übermannte und sie erschöpft zusammensank. Geras setzte den Bohrer ab und verschloss das Loch rasch mit der Handfläche.
Im Moment ihres Todes nahm er ihre Erinnerungen an sich.
Sie hatte die Wahrheit gesagt.